Bernd und Markus bei der FDP - Ein Erlebnisbericht

Es ist jetzt fast drei Jahre her, dass uns der Spitzenkandidat der Hofer FDP ursprünglich aufgefallen ist - ziemlich unvorteilhaft abgebildet auf einem Plakat zur Bundestagswahl. Gewonnen hat er nicht. Seitdem haben wir ihn diverse Male wiedergesehen - meist in der Kneipe, mit einem Bier in der Hand, undeutlich sprechend. In allen anderen Fällen auf Festen, mit einem Bier in der Hand, sehr undeutlich sprechend und dabei wild gestikulierend.
Mit großer Freude lasen wir also von der öffentlichen Nominierungsveranstaltung der Hofer FDP anlässlich der anstehenden OB-Wahlen, zu der nicht nur jeder hinkommen darf, sondern sich auch jeder als Kandidat wählen lassen darf. Theoretisch.
So entstand bei mir am vergangenen Wochenende die Idee, der Veranstaltung als neutraler Beobachter beizuwohnen.
Bei meinem Kumpel Bernd entstand die etwas ehrgeizigere Idee, sich mit kritischen Fragen zu Wort zu melden, sich zur Not selbst nominieren zu lassen und auf jeden Fall die Wahl des Spitzenkandidaten zum OB-Kandidaten zu verhindern. Und das obwohl Bernd meiner Einschätzung nach zu dem Zeitpunkt nicht soviel getrunken hatte wie ich.

Wir also hin!

Genau wie die Pressevertreter von Frankenpost und BR, die sich dankenswerterweise gleich an unseren APO Tisch (Außer-parteiliche Opposition!) gesetzt haben, waren wir überrascht von der großen Teilnehmerzahl, die dazu führte, dass wir den Raum wechseln mussten und deswegen die Pressevertreter wieder verloren haben. Jemanden wieder verlieren klingt irgendwie besser als: Die hatten keinen Bock mehr auf unsere unseriöse Grundhaltung und suchten deshalb das Weite.
Zuvor hatte die Frau vom BR vergeblich versucht, den Kandidaten Bernd zu interviewen und mir das Mikrofon wieder abgenommen, nachdem ich die Frage nach dem Grund meiner Anwesenheit wahrheitsgemäß beantwortet hatte.
Die große Zahl der Anwesenden - über 40, bei gerade mal 15 Parteimitgliedern überhaupt - führte außerdem zu einem spontanen Gesinnungswechsel beim potentiellen Kandidaten Bernd, der beschloss, seine Kritik für sich zu behalten, nicht aufzufallen, auf keinen Fall nominiert zu werden. Schade, wenn Sie mich fragen.

Da wir die Presse mit unseren für politische Veranstaltungen völlig unangemessen ehrlichen Aussagen verschreckt hatten, landeten wir am Tisch einer älteren, vornehm wirkenden Dame. Die wollte sich auch gerne nominieren lassen und ab da wurde es spannend.
Weil wir den Unterhaltungswert verbessern wollten, hätten wir das auch sofort gemacht. Doch überrascht von einem vorpreschenden unbekannten Consultant Engineer (nachfolgend Außenseiter), der sich selbst nominierte und mit der einsetzenden Gewissheit, dass die sichere Wahl des Spitzenkandidaten in Gefahr ist, wurde der sofort hinterher nominiert und dann mit der Kandidatenvorstellung begonnen, bevor noch irgendwer "Äh... also ich... wir würden... naja..." sagen konnte.
Wir hatten es nicht eilig und weil es recht spannend war, wie der Außenseiter von der Geschichte vom kaputten Zahnriemen in seinem Mittelklasseauto die Überleitung dahin schaffen wollte, warum er ein guter OB-Kandidat wäre, stellten wir das Vorhaben hinten an. Die Geschichte endete mit einem ziemlich abgefahrenen (ja, abgefahren ist genau das richtige Wort) Glaubensbekenntnis, wie man es am ehesten von US-Fernsehpredigern kennt. Ganz großes Kino!
Die anschließende kollektiv-verdutzte Stille wollten wir für einen geschickten Nominierungsversuch nutzen, aber dafür war es laut Spitzenkandidat und seiner Lakaien schon zu spät. Zu spät war es seit dem Zeitpunkt, da gefragt worden war, ob es noch weitere Nominierungen gibt und daraufhin die Nominierung offiziell abgeschlossen wurde.
Selbst als aufmerksamer Leser hatten Sie bislang nichts vom offiziellen Abschluss der Nominierungen mitbekommen. Und genauso ging uns das auch. Und der älteren, vornehm wirkenden Dame.

Ab da habe ich nicht mehr viel von der Veranstaltung mitbekommen, weil ich ziemlich gut mit Kopfschütteln beschäftigt war. Das ging solange, bis Kandidat Bernd plötzlich laut und mit wiedergewonnenem Selbstbewusstsein die Frage stellte, was man denn auf den Wahlzettel schreiben müsse, wenn man verhindern wollte, dass eine bestimmte Person nominiert werde.
Das fand ich gut! Der Spitzenkandidat und seine Lakaien aber nicht. Ich aber umso mehr.
Wie sich herausstellt, geht sowas gar nicht. Deswegen hat Bernd dann doch die ältere, vornehm wirkende Dame gewählt (darf man das einfach so schreiben, oder verstößt das gegen das Wahlgeheimnis?) und die ältere, vornehm wirkende Dame gab einen leeren Zettel ab. Ich durfte nicht wählen, weil ich mich als neutraler Walbeobachter der Unesco vorgestellt hatte.

Es folgt nun das amtliche und völlig sachliche Endergebnis, wie es vom Lakaien des Spitzenkandidaten nach der gemeinsamen Auszählung mit dem Spitzenkandidaten verkündet wurde. Ich möchte nur kurz in Erinnerung rufen: 15 FDP Mitglieder!!!

- Ungültige Stimmen: 4
- Außenseiter (Anm. d. Red.: Crashdriver Jesus Consultant Engineer): 14
- Spitzenkandidat: 16

Ärgerlich für diejenigen, von denen wir wissen, dass sie ihre Stimmen ungültig gemacht haben, anstatt den Außenseiter zu wählen, der es geschafft hatte, sich rechtzeitig zu nominieren.
Mit Wahlergebnissen ist das ein bisschen wie mit Schrödingers Katze. Man weiß nicht, wie sich das Ergebnis ändert, wenn man selbst anders abstimmen würde. Nein, das weiß man erst wenn man die Ergebnisse anschaut.
Und wenn derjenige, der sich gerade mit einer verschwindend geringen Mehrheit gegen einen völligen Außenseiter durchgesetzt hat, als erstes die Vernichtung der Stimmzettel beantragt, dann gewinnt man schon den Eindruck, da hat einer von den Besten gelernt. Einer der Besten wäre hier Wladimir Putin, den ich mir auch gerne vorstelle, wie er sich die Nächte vor einer Wahl damit um die Ohren schlägt, möglichst viele Kreuze auf Wahlzetteln vorzubereiten.

Im Nachhinein gestand mir Bernd, wie sehr er sich ärgert, dass er seine wohlformulierten Beiträge für sich behalten hat. Angeblich hat er ein Problem damit, Leute öffentlich anzugreifen oder zu blamieren. Faule Ausrede sage ich, denn er wollte das ja höflich machen.
Allerdings weiß ich selbst nur zu gut, wie es ist, wenn man tage- oder wochenlang an wohlformulierten Beiträgen feilt und sie dann für sich behält. Ging mir immer mit Mädchen so.

Highlight des Abends: Kandidat Bernd (seit 2 Tagen 29 Jahre alt) und ich (seit 917 Tagen 29 Jahre alt) wurden von den Pressevertretern für Studenten Mitte 20 gehalten.

 

 

Zu unseriös für Ihren Geschmack? Dann sei Ihnen der sehr viel sachlichere und mit weiteren pikanten Details gespickte Leserbrief von Bernd Kießling über denselben Abend empfohlen.

 

Weitere Links zum Thema
Radiointerview mit dem Spitzenkandidaten
Kurzbericht in der Frankenpost
Gesamter Artikel in der Frankenpost
Und ein Artikel bei der Süddeutschen Zeitung